Thesaurierend oder ausschüttend: der Unterschied in Kürze
Thesaurierend oder ausschüttend, diese Frage stellt sich fast jeder, der seinen ersten ETF auswählt. Die gute Nachricht vorweg: Beide Varianten investieren in exakt dieselben Unternehmen und bilden denselben Index ab. Sie unterscheiden sich nur darin, was mit den Dividenden passiert, also mit dem Teil des Gewinns, den die Unternehmen an ihre Aktionäre auszahlen.
Viele Unternehmen in einem ETF zahlen Dividenden. Der ETF sammelt diese Zahlungen ein. Was dann passiert, hängt von der Ertragsverwendung ab:
- Ausschüttend (Englisch: Distributing, kurz Dist): Der ETF zahlt die Dividenden an dich aus, meist quartalsweise oder jährlich. Das Geld landet auf deinem Verrechnungskonto, also dem Konto, das zu deinem Depot gehört.
- Thesaurierend (Englisch: Accumulating, kurz Acc): Der ETF legt die Dividenden sofort wieder an. Du bekommst nichts ausgezahlt, dafür steigt der Wert deiner Anteile entsprechend.
Wie ETFs grundsätzlich funktionieren, erklären wir im Ratgeber Was ist ein ETF?. Hier geht es um die Frage, welche der beiden Varianten zu dir passt, und um die Details, die in vielen Kurzvergleichen fehlen: Steuern, Entnahmephase, Kosten und Psychologie.
| Merkmal | Thesaurierend (Acc) | Ausschüttend (Dist) |
|---|---|---|
| Dividenden | werden im Fonds wieder angelegt | werden aufs Verrechnungskonto gezahlt |
| Zinseszins | automatisch | nur, wenn du selbst wieder anlegst |
| Laufende Besteuerung | über die Vorabpauschale | über die Ausschüttungen, ggf. plus Vorabpauschale |
| Aufwand | sehr gering | etwas höher, wenn du wieder anlegen willst |
| Laufendes Einkommen | nur durch Verkauf von Anteilen | automatisch über die Ausschüttungen |
| Anzahl der Anteile | bleibt ohne Zukäufe gleich | bleibt ohne Zukäufe gleich |
Woran du die Variante erkennst
Welche Variante ein ETF hat, siehst du am Namen oder im Factsheet, dem offiziellen Datenblatt des Fonds. Typische Kürzel im Namen sind „Acc“ oder „Thesaurierend“ für die wiederanlegende Variante und „Dist“, „Dis“ oder „Ausschüttend“ für die auszahlende. Manche Anbieter nutzen eigene Bezeichnungen, deshalb lohnt der Blick ins Factsheet unter „Ertragsverwendung“.
Viele beliebte ETFs gibt es in beiden Varianten, mit unterschiedlicher ISIN. Die ISIN ist die zwölfstellige Kennnummer eines Wertpapiers. Suche deinen ETF beim Broker deshalb immer über die ISIN, dann erwischst du garantiert die gewünschte Variante. Die laufenden Kosten (TER) sind bei beiden Varianten eines Fonds oft gleich oder sehr ähnlich.
Was im ETF mit den Dividenden passiert
Um die Unterschiede wirklich zu verstehen, hilft ein Blick hinter die Kulissen. Ein Welt-ETF hält Anteile an Hunderten oder Tausenden Unternehmen. Diese zahlen ihre Dividenden zu ganz unterschiedlichen Terminen: Deutsche Unternehmen meist einmal im Jahr, US-Unternehmen oft vierteljährlich. Das Geld fließt zunächst in den Fonds.
Beim thesaurierenden ETF kauft das Fondsmanagement mit diesem Geld laufend weitere Aktien. Der Wert pro ETF-Anteil steigt dadurch etwas stärker, als er es durch Kursbewegungen allein tun würde. Du merkst davon nichts außer einem höheren Kurs.
Beim ausschüttenden ETF sammelt der Fonds die Dividenden bis zum nächsten Ausschüttungstermin. Dann zahlt er sie an alle Anleger aus, anteilig pro ETF-Anteil.
Der Kursabschlag am Ex-Tag
Ein häufiges Missverständnis: Die Ausschüttung sei ein Geschenk, das zusätzlich zur Kursentwicklung kommt. So ist es nicht. Am sogenannten Ex-Tag, dem Tag, ab dem die Ausschüttung vom Kurs abgetrennt ist, sinkt der Anteilswert um den ausgeschütteten Betrag.
Ein Beispiel mit fiktiven Zahlen: Ein ETF-Anteil ist 100 € wert und schüttet 0,50 € aus. Am Ex-Tag sinkt der Wert auf 99,50 €, und 0,50 € landen (vor Steuern) auf deinem Konto. Dein Vermögen bleibt insgesamt gleich, es ist nur von der einen Tasche in die andere gewandert. Beim thesaurierenden Zwilling bleiben die 0,50 € im Fonds, der Anteil ist weiterhin 100 € wert.
Genau deshalb ist die Ertragsverwendung vor allem eine Frage der Organisation und der Steuern, nicht der Rendite.
Ausschüttungsrhythmus: monatlich, quartalsweise oder jährlich
Wie oft ein ausschüttender ETF zahlt, legt der Anbieter fest. Du findest den Rhythmus im Factsheet oder im Verkaufsprospekt.
| Rhythmus | Zahlungen pro Jahr | Typisch für |
|---|---|---|
| Jährlich | 1 | manche europäische ETFs |
| Halbjährlich | 2 | einige Welt- und Europa-ETFs |
| Quartalsweise | 4 | viele Welt-, USA- und Dividenden-ETFs |
| Monatlich | 12 | eher selten, manche Dividenden- und Anleihe-ETFs |
Die Höhe schwankt von Zahlung zu Zahlung. Das liegt daran, dass die enthaltenen Unternehmen zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlicher Höhe zahlen, und bei Welt-ETFs auch an Wechselkursen. Plane deshalb nie mit einem festen Betrag pro Quartal, sondern höchstens mit einem Jahresdurchschnitt.
Ein häufigerer Rhythmus bringt übrigens keine höhere Rendite. Er verteilt die Zahlungen nur gleichmäßiger übers Jahr. Wer von Ausschüttungen leben möchte, empfindet quartalsweise oder monatliche Zahlungen oft als angenehmer. Wer ohnehin wieder anlegt, hat mit häufigen kleinen Zahlungen eher mehr Aufwand.
Zinseszins: automatisch oder selbst gemacht
Bei einem thesaurierenden ETF arbeitet der Zinseszins automatisch. Die wieder angelegten Dividenden erwirtschaften selbst neue Erträge, ohne dass du etwas tun musst.
Bei einem ausschüttenden ETF musst du die Ausschüttungen selbst wieder anlegen, wenn du denselben Effekt willst. Das geht, kostet aber etwas Aufmerksamkeit und bei manchen Brokern auch Ordergebühren. Viele lassen das Geld dann einfach auf dem Konto liegen, und genau da entsteht der eigentliche Nachteil.
Rechenbeispiel: 10.000 € über 20 Jahre
Angenommen, du legst einmalig 10.000 € in einen Aktien-ETF an. Wir rechnen mit einer angenommenen Gesamtrendite von 6 % pro Jahr: 4 % aus Kurssteigerungen und 2 % aus Dividenden. Das sind Modellannahmen, keine Prognose. Steuern und Kosten lassen wir der Übersicht halber weg.
| Variante | Was passiert | Wert nach 20 Jahren |
|---|---|---|
| Thesaurierend | Dividenden werden automatisch wieder angelegt, das Depot wächst mit 6 % | rund 32.070 € |
| Ausschüttend, konsequent wieder angelegt | du kaufst mit jeder Ausschüttung neue Anteile | ebenfalls rund 32.070 € (abzüglich Ordergebühren) |
| Ausschüttend, Geld bleibt auf dem Konto liegen | Depot wächst nur mit 4 %, Ausschüttungen sammeln sich ohne Zinsen | rund 21.910 € Depot + rund 5.960 € auf dem Konto = rund 27.870 € |
Der Unterschied von rund 4.200 € entsteht nicht durch die Variante an sich, sondern durch das liegen gelassene Geld. Wer ausschüttende ETFs diszipliniert wieder anlegt, landet nahezu beim selben Ergebnis. Wer das vergisst oder die Ausschüttungen nebenbei ausgibt, verzichtet über Jahrzehnte auf einen spürbaren Teil des Zinseszinseffekts.
Mit dem ETF-Rechner kannst du ausprobieren, wie stark sich schon ein bis zwei Prozentpunkte Renditeunterschied über lange Zeiträume auswirken.
Kosten und Aufwand beim Wiederanlegen
Wer Ausschüttungen manuell wieder anlegt, stößt auf drei praktische Hürden:
- Ordergebühren: Bei vielen Neobrokern kostet eine Order rund 1 Euro. Klingt wenig, ist bei kleinen Beträgen aber viel. Schüttet dein ETF im Quartal 30 € aus und du zahlst 1 € Gebühr für den Nachkauf, sind das rund 3,3 % der Summe.
- Zeitverzug: Zwischen Ausschüttung und Wiederanlage vergehen oft Tage oder Wochen. In dieser Zeit arbeitet das Geld nicht.
- Vergessen: Der größte Kostenfaktor ist menschlich. Kleine Beträge auf dem Verrechnungskonto werden leicht übersehen.
Es gibt pragmatische Lösungen. Manche Broker bieten eine automatische Wiederanlage von Ausschüttungen an. Alternativ läuft dein Sparplan einfach weiter, und die Ausschüttungen erhöhen im Hintergrund den Kontostand, von dem die nächste Rate abgebucht wird. Dann reduzierst du deinen Dauerauftrag um den ungefähren Ausschüttungsbetrag, und das Geld fließt ohne Extra-Order zurück ins Depot. Welche Broker kostenlose Sparpläne anbieten, zeigt unser Broker-Vergleich.
So werden beide Varianten besteuert
Hier kommt oft das Missverständnis: „Thesaurierende ETFs sind steuerfrei, bis ich verkaufe.“ Das stimmt nicht. Beide Varianten werden laufend besteuert, nur auf unterschiedlichem Weg. Die Grundlagen zur Steuer auf Kapitalerträge findest du im Ratgeber zur Abgeltungsteuer.
Ausschüttende ETFs
Die Ausschüttungen sind Kapitalerträge. Sie werden sofort mit der Abgeltungsteuer besteuert, soweit dein Sparerpauschbetrag aufgebraucht ist. Die Abgeltungsteuer beträgt 25 % plus 5,5 % Solidaritätszuschlag darauf, zusammen also 26,375 %, gegebenenfalls zuzüglich Kirchensteuer. Deine deutsche Bank zieht die Steuer direkt ab, du bekommst nur den Nettobetrag gutgeschrieben.
Bei Aktien-ETFs, also Fonds mit mindestens 51 % Aktien, gilt die Teilfreistellung: 30 % der Erträge bleiben steuerfrei. Von 100 € Ausschüttung sind also nur 70 € steuerpflichtig.
Thesaurierende ETFs: die Vorabpauschale
Hier fällt jedes Jahr eine sogenannte Vorabpauschale an. Sie ist eine Art vorgezogene Mindestbesteuerung für Fonds, die wenig oder nichts ausschütten. Berechnet wird sie mit dem Basiszins, den das Bundesfinanzministerium jedes Jahr festlegt. Für 2026 liegt er bei 3,20 Prozent.
Die Berechnung läuft in drei Schritten:
- Basisertrag = Fondswert am Jahresanfang × Basiszins × 0,7
- Deckel: Der Basisertrag ist begrenzt auf den tatsächlichen Wertzuwachs im Jahr plus die Ausschüttungen.
- Vorabpauschale = gedeckelter Basisertrag − Ausschüttungen des Jahres (nie unter null)
Beim thesaurierenden ETF gibt es keine Ausschüttungen, dort ist die Vorabpauschale also einfach der Basisertrag, höchstens aber der Wertzuwachs. Auf das Ergebnis wird bei Aktien-ETFs noch die Teilfreistellung von 30 % angewendet.
Beispiel: Vorabpauschale für 2026
Dein thesaurierender Aktien-ETF ist Anfang 2026 genau 10.000 Euro wert, und er steigt im Laufe des Jahres stärker als der Basisertrag.
| Schritt | Rechnung | Betrag |
|---|---|---|
| Basisertrag | 10.000 € × 3,20 % × 0,7 | 224,00 € |
| Teilfreistellung für Aktienfonds | − 30 % | − 67,20 € |
| Steuerpflichtiger Betrag | 156,80 € | |
| Steuer (ohne Freibetrag) | 26,375 % | 41,36 € |
Mit 9 % Kirchensteuer liegt die Gesamtbelastung bei rund 27,99 %, die Steuer wäre dann rund 43,90 €. Liegt der Betrag innerhalb deines Sparerpauschbetrags, zahlst du gar nichts, der Betrag wird nur auf deinen Freibetrag angerechnet.
Die Vorabpauschale für 2026 wird Anfang Januar 2027 fällig. Deine Bank zieht die Steuer dann automatisch vom Verrechnungskonto ein. Halte dort also etwas Geld bereit. Reicht das Guthaben nicht, kann die Bank die Steuer in der Regel nicht abführen und meldet das dem Finanzamt, dann musst du die Vorabpauschale über deine Steuererklärung nachversteuern. Das ist vermeidbarer Aufwand.
Sonderfall Kaufjahr und Sparplan
Im Jahr des Kaufs gilt die Vorabpauschale nur zeitanteilig: Für jeden vollen Monat vor dem Kaufmonat sinkt sie um ein Zwölftel.
Beispiel: Du kaufst im April 2026 Anteile im Wert von 10.000 €, und der Anteilspreis lag am Jahresanfang ungefähr auf deinem Kaufniveau. Januar, Februar und März sind volle Monate vor dem Kauf, also zählen nur 9 von 12 Monaten. Der Basisertrag beträgt dann 224 € × 9/12 = 168 €, nach Teilfreistellung bleiben 117,60 € steuerpflichtig.
Beim Sparplan wirkt das besonders stark. Sparst du ab Januar monatlich 100 €, zählt die Januar-Rate voll, die Februar-Rate zu 11/12 und so weiter bis zur Dezember-Rate mit 1/12. Zusammen entspricht das 6,5 vollen Raten. Der Basisertrag für das erste Sparjahr liegt damit bei grob 100 € × 6,5 × 2,24 % = 14,56 €, nach Teilfreistellung rund 10 €. In den ersten Sparjahren ist die Vorabpauschale für die meisten Anleger also kaum spürbar.
Die Deckelung: kein Wertzuwachs, keine Vorabpauschale
Die Vorabpauschale ist gedeckelt. Sie kann nie höher sein als der tatsächliche Wertzuwachs im Jahr. Fällt der ETF, fällt keine Vorabpauschale an.
Steigt dein ETF von 10.000 € nur auf 10.100 €, beträgt die Vorabpauschale nicht 224 €, sondern nur 100 €. Nach Teilfreistellung sind 70 € steuerpflichtig. In einem Verlustjahr ist sie null.
Vorabpauschale bei ausschüttenden ETFs
Bei ausschüttenden ETFs wird die Vorabpauschale nur fällig, wenn die Ausschüttungen niedriger sind als der Basisertrag. Dann wird die Differenz zusätzlich angesetzt.
| Fall (Wert am Jahresanfang 10.000 €, Kurs steigt) | Ausschüttung | Vorabpauschale | Steuerpflichtig nach Teilfreistellung |
|---|---|---|---|
| Thesaurierend | 0 € | 224 € | 156,80 € |
| Ausschüttend, 1,5 % Ausschüttung | 150 € | 74 € | 156,80 € |
| Ausschüttend, 2,5 % Ausschüttung | 250 € | 0 € | 175,00 € |
Im mittleren Fall sind 150 € Ausschüttung und 74 € Vorabpauschale zusammen wieder 224 €, steuerpflichtig ist damit derselbe Betrag wie beim thesaurierenden ETF. Das zeigt den wichtigsten Punkt: Solange der Markt steigt und die Ausschüttungsrendite unter 2,24 % liegt (3,20 % × 0,7), werden beide Varianten praktisch gleich hoch besteuert. Das deckt sich mit unserem Ratgeber zum Junior-Depot: Bei 3,20 % Basiszins kann die Vorabpauschale ähnlich hoch ausfallen wie die Ausschüttung eines breiten Welt-ETFs.
Einen echten Unterschied gibt es in zwei Situationen. In einem Verlustjahr zahlt der ausschüttende ETF trotzdem aus, und die Ausschüttung wird besteuert, während beim thesaurierenden ETF keine Vorabpauschale anfällt. Und bei ETFs mit hoher Ausschüttung, etwa vielen Dividenden-ETFs, liegt die laufende Steuerbasis spürbar über der Vorabpauschale.
Anrechnung beim Verkauf: nicht doppelt, nur früher
Die Vorabpauschale wird beim späteren Verkauf angerechnet. Du zahlst also nicht doppelt, sondern nur früher.
Beispiel: Du kaufst für 10.000 € und verkaufst Jahre später für 14.000 €. In der Zwischenzeit wurden insgesamt 800 € Vorabpauschale (vor Teilfreistellung) angesetzt. Dein steuerlicher Gewinn beträgt dann nicht 4.000 €, sondern 4.000 € − 800 € = 3.200 €. Nach Teilfreistellung sind 2.240 € steuerpflichtig. Deine Bank rechnet das automatisch.
Sparerpauschbetrag und Teilfreistellung gezielt nutzen
Der Sparerpauschbetrag liegt seit 2023 bei 1.000 € für Alleinstehende (vorher 801 €) und bei 2.000 € für Zusammenveranlagte. Er gilt für alle Kapitalerträge zusammen: Zinsen, Ausschüttungen, Verkaufsgewinne und Vorabpauschalen. Ungenutzt verfällt er am Jahresende.
Wie weit reicht der Freibetrag?
Bei einem Aktien-ETF in einem Jahr mit steigenden Kursen sind pro 1.000 € Depotwert am Jahresanfang höchstens 15,68 € steuerpflichtig (1.000 € × 2,24 % × 0,7). Der Freibetrag von 1.000 € reicht damit rechnerisch bis zu einem Depotwert von rund 63.800 €, bevor die Vorabpauschale allein ihn ausschöpft. Bei 2.000 € für Paare entsprechend bis rund 127.600 €.
Bei einem ausschüttenden Welt-ETF mit einer Ausschüttung unter 2,24 % gilt wegen der ergänzenden Vorabpauschale in guten Jahren fast dieselbe Grenze. Hast du daneben Zinsen vom Tagesgeld, sinkt der Spielraum entsprechend.
Freibetrag nutzen, wenn noch Luft ist
Bleibt am Jahresende ein Teil des Freibetrags ungenutzt, kannst du bei einem thesaurierenden ETF Gewinne gezielt realisieren: Anteile verkaufen und sofort wieder kaufen. So steigt dein Einstandskurs, und künftige Steuern sinken. Achte dabei auf Ordergebühren und den Spread, also die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufskurs. Bei ausschüttenden ETFs passiert ein Teil dieser Nutzung automatisch über die Ausschüttungen.
Solche Rechnungen lassen sich mit unseren Steuer-Tools nachvollziehen. Was nach Kosten und Steuern von einer Rendite übrig bleibt, zeigt der Brutto-Netto-Vergleich.
Niedriges Einkommen: Günstigerprüfung und NV-Bescheinigung
Liegt dein persönlicher Steuersatz unter 25 %, kannst du über die Anlage KAP in der Steuererklärung die Günstigerprüfung beantragen und bekommst den niedrigeren Satz. Wer insgesamt unter dem Grundfreibetrag (2026: 12.348 €) plus Sparerpauschbetrag bleibt, kann eine Nichtveranlagungsbescheinigung beantragen, dann werden Kapitalerträge gar nicht erst besteuert. Für die Wahl zwischen thesaurierend und ausschüttend ändert das wenig, es kann aber ein Argument sein, in solchen Phasen bewusst Erträge zu realisieren.
Entnahmephase: Ausschüttungen oder Anteile verkaufen?
Irgendwann willst du von deinem Depot leben oder es zumindest anzapfen, zum Beispiel im Ruhestand. Viele glauben, dafür bräuchten sie zwingend ausschüttende ETFs. Nötig ist das nicht: Du kannst auch regelmäßig Anteile eines thesaurierenden ETFs verkaufen. Viele Broker bieten dafür sogar einen Entnahmeplan an, das Gegenstück zum Sparplan.
Der steuerliche Unterschied
Beim Verkauf wird nur der Gewinnanteil besteuert, nicht der ganze Verkaufserlös. Eine Ausschüttung ist dagegen komplett Ertrag.
Beispiel: Du möchtest dir im Jahr 12.000 € aus dem Depot auszahlen. Die Hälfte deines Depotwerts sind Kursgewinne, die andere Hälfte deine Einzahlungen. Vereinfachte Rechnung ohne Vorabpauschale und Kirchensteuer, mit 1.000 € Sparerpauschbetrag:
| 12.000 € als Ausschüttung | 12.000 € durch Verkauf | |
|---|---|---|
| Steuerlicher Ertrag | 12.000 € | 6.000 € Gewinnanteil |
| Nach Teilfreistellung (70 %) | 8.400 € | 4.200 € |
| Nach Sparerpauschbetrag | 7.400 € | 3.200 € |
| Steuer (26,375 %) | rund 1.951,75 € | rund 844,00 € |
Beim Verkauf zahlst du in diesem Jahr also deutlich weniger Steuern. Ehrlicherweise muss man dazusagen: Die Gewinne, die im Depot bleiben, werden später beim Verkauf trotzdem besteuert. Der Vorteil ist vor allem ein Aufschub, eine Steuerstundung. Und um 12.000 € im Jahr allein aus Ausschüttungen zu bekommen, bräuchtest du bei angenommenen 2 % Ausschüttungsrendite ein Depot von 600.000 €.
Vor- und Nachteile in der Entnahme
| Ausschüttungen | Anteile verkaufen | |
|---|---|---|
| Aufwand | gering, Geld kommt automatisch | gering mit Entnahmeplan, sonst eine Order pro Entnahme |
| Planbarkeit der Höhe | schwankt mit den Dividenden | du bestimmst die Höhe selbst |
| Kapitalverzehr | Anteile bleiben erhalten | Anzahl der Anteile sinkt |
| Steuern im laufenden Jahr | ganze Ausschüttung ist Ertrag | nur der Gewinnanteil |
| Gefühl in Krisen | Zahlungen laufen meist weiter, auch bei fallenden Kursen | Verkäufe bei tiefen Kursen fühlen sich schmerzhaft an |
Wichtig zu verstehen: Auch Ausschüttungen sind kein Geld, das zusätzlich entsteht. Am Ex-Tag sinkt der Kurs um den ausgeschütteten Betrag. Wirtschaftlich ist eine Ausschüttung einem kleinen Verkauf sehr ähnlich, nur dass der ETF-Anbieter sie für dich auslöst und du die Höhe nicht wählen kannst. Mehr zu Dividenden als Einkommensquelle erklären wir in der Dividenden-Strategie.
Psychologie: Warum sich Ausschüttungen besser anfühlen
Rational betrachtet sind beide Varianten fast gleichwertig. Emotional sind sie es nicht. Viele Anleger lieben Ausschüttungen, und das hat nachvollziehbare Gründe.
- Sichtbarer Erfolg: Eine Zahlung aufs Konto fühlt sich wie Lohn an. Ein leicht höherer Kurs ist abstrakt.
- Kein Verkaufsschmerz: Viele Menschen tun sich schwer, Anteile zu verkaufen, weil es sich wie das Anknabbern des Vermögens anfühlt. Ausschüttungen umgehen diese Hürde.
- Durchhalten in Krisen: Wer in einem Crash sieht, dass weiter Geld hereinkommt, bleibt eher ruhig. Das kann ein echter Vorteil sein, wenn es dich von Panikverkäufen abhält.
Es gibt aber auch Fallen. Wer Ausschüttungen als „Bonus“ betrachtet, gibt sie leichter aus. Und wer nur auf die Ausschüttungsrendite schaut, greift schnell zu ETFs, die viel ausschütten, aber insgesamt nicht besser abschneiden. Solche Denkfehler beschreiben wir ausführlicher im Ratgeber zu typischen Psychologie-Fehlern.
Unser Tipp: Entscheide nicht nach Bauchgefühl allein, aber ignoriere es auch nicht. Wenn dich Ausschüttungen motivieren, dauerhaft dabeizubleiben, ist das ein legitimes Argument. Die beste Variante ist die, mit der du 20 oder 30 Jahre investiert bleibst.
Welche Variante passt zu dir? Entscheidung nach Lebenssituation
Die klassische Kurzformel lautet: in der Ansparphase thesaurierend, in der Entnahmephase ausschüttend oder Verkauf. Im Detail hängt es von deiner Situation ab.
| Lebenssituation | Häufig passend | Warum |
|---|---|---|
| Vermögensaufbau, 20 Jahre und mehr bis zum Ziel | Thesaurierend | Wiederanlage läuft automatisch, kein Aufwand, Steuer bei 3,20 % Basiszins ähnlich |
| Vermögensaufbau, aber motiviert durch Zahlungen | Ausschüttend mit konsequenter Wiederanlage | Motivation zählt, solange das Geld wieder investiert wird |
| Freibetrag bleibt jedes Jahr ungenutzt | beides möglich | Ausschüttungen nutzen den Freibetrag automatisch, bei thesaurierend Gewinne gezielt realisieren |
| Ruhestand, regelmäßige Einnahmen gewünscht | Ausschüttend oder thesaurierend mit Entnahmeplan | Ausschüttungen sind bequem, Verkäufe flexibler und steuerlich oft günstiger im laufenden Jahr |
| Rentner mit niedrigem Steuersatz | beides möglich | Günstigerprüfung oder NV-Bescheinigung senken die Steuer bei beiden Varianten |
| Kinderdepot | meist thesaurierend | pflegeleicht; bei 3,20 % Basiszins kann die Vorabpauschale ähnlich hoch ausfallen wie Ausschüttungen, der Unterschied ist daher klein |
| Kinderdepot mit Lernziel | Ausschüttend | Kinder sehen, dass ein Depot regelmäßig Geld abwirft |
| Konkretes Ziel in wenigen Jahren | eher thesaurierend | kein Wiederanlageaufwand bis zum Verkauf; wichtiger ist hier die passende Aktienquote |
Beim Kinderdepot gibt es Besonderheiten rund um Familienversicherung und BAföG, die wir im Ratgeber zum Junior-Depot ausführlich erklären. Dort ist entscheidend: Bei 3,20 % Basiszins macht die Ertragsverwendung für die laufenden Erträge wenig Unterschied, den größeren Hebel haben realisierte Kursgewinne.
Wie lange du tatsächlich anlegen kannst, klärst du am besten vorab mit unserem Ratgeber zum Anlagehorizont.
Drei Fragen für deine Entscheidung
- Brauchst du in den nächsten Jahren laufendes Geld aus dem Depot? Nein: thesaurierend ist die einfachste Wahl. Ja: beide Wege sind möglich.
- Legst du Ausschüttungen zuverlässig wieder an? Wenn du ehrlich unsicher bist, nimm thesaurierend.
- Motivieren dich regelmäßige Zahlungen so stark, dass du eher dabeibleibst? Dann kann ausschüttend die bessere Wahl für dich sein, auch wenn es etwas mehr Aufwand bedeutet.
Beide Varianten kombinieren
Du musst dich nicht für immer auf eine Variante festlegen. Viele Anleger kombinieren beide, und das ist völlig in Ordnung.
- Nach Lebensphase: Bis zum Ruhestand thesaurierend besparen, einige Jahre vorher neue Raten in die ausschüttende Variante lenken. So baust du schrittweise einen Ausschüttungsbestand auf, ohne alte Anteile verkaufen zu müssen.
- Nach Baustein: Den Welt-ETF als Kern thesaurierend halten und einen Dividenden-ETF als Ergänzung ausschüttend. Wie du Kern und Ergänzung sinnvoll aufteilst, erklärt unser Ratgeber zum ETF-Portfolio.
- Nach Zweck: Ein ausschüttender Teil finanziert ein wiederkehrendes Ziel, etwa den Jahresurlaub, der Rest wächst thesaurierend weiter.
Bei der Kombination gilt: Für die Streuung zählt, welcher Index drinsteckt, nicht die Ertragsverwendung. Ein thesaurierender und ein ausschüttender ETF auf denselben Index sind keine Diversifikation, sondern dieselbe Anlage zweimal. Halte die Zahl der Positionen deshalb überschaubar.
Wechsel von ausschüttend zu thesaurierend oder umgekehrt
Ein direkter Umtausch innerhalb desselben ETFs ist nicht möglich. Du müsstest die alten Anteile verkaufen und die neue Variante kaufen. Das löst Steuern auf die bisherigen Gewinne aus.
Beispiel: Du hast 20.000 € in einem ausschüttenden ETF, davon 5.000 € Kursgewinn. Nach Teilfreistellung sind 3.500 € steuerpflichtig, abzüglich 1.000 € Sparerpauschbetrag bleiben 2.500 €. Die Steuer beträgt rund 659,38 € (ohne Kirchensteuer). Dieses Geld fehlt danach im Depot und arbeitet nicht mehr für dich.
Meist sinnvoller sind diese Wege:
- Nur den Sparplan umstellen: Neue Raten fließen in die gewünschte Variante, die alten Anteile bleiben einfach liegen. Das kostet nichts und ist in wenigen Minuten erledigt.
- Schrittweise umschichten: Jedes Jahr so viele Anteile verkaufen, dass der Gewinn im Rahmen deines ungenutzten Freibetrags bleibt, und in die andere Variante umschichten.
- Gar nicht wechseln: Wenn der Unterschied für dich klein ist, ist Nichtstun oft die beste Entscheidung.
Wie du einen Sparplan anlegst oder änderst, zeigt unsere Anleitung ETF-Sparplan einrichten.
Häufige Irrtümer rund um thesaurierend und ausschüttend
- „Ausschüttungen sind zusätzliche Rendite.“ Nein. Der Kurs sinkt am Ex-Tag um den ausgeschütteten Betrag.
- „Thesaurierende ETFs sind bis zum Verkauf steuerfrei.“ Nein. Die Vorabpauschale sorgt für eine laufende Besteuerung, bei 3,20 % Basiszins in ähnlicher Größenordnung wie bei Ausschüttungen.
- „Die Vorabpauschale ist eine zusätzliche Steuer.“ Nein. Sie wird beim Verkauf angerechnet. Du zahlst früher, nicht mehr.
- „Für die Rente brauche ich ausschüttende ETFs.“ Nicht zwingend. Ein Entnahmeplan aus einem thesaurierenden ETF funktioniert genauso und ist steuerlich im laufenden Jahr oft günstiger.
- „Ein hoher Ausschüttungsbetrag bedeutet einen besseren ETF.“ Entscheidend ist die Gesamtrendite aus Kurs und Ausschüttungen, nicht die Ausschüttung allein.
- „Wer thesaurierend spart, muss sich um nichts kümmern.“ Fast. Für die Vorabpauschale im Januar sollte etwas Geld auf dem Verrechnungskonto liegen.